4/4/2014
Von Zacharias Zacharakis
Die Regierung in Athen braucht kein weiteres Rettungspaket, sagt Investmentstratege Andrew Bosomworth. Merkels Spardiktat hat funktioniert, aber der Preis war sehr hoch.
ZEIT ONLINE: Herr Bosomworth, Griechenland will zurück an den Kapitalmarkt. Bereits in der kommenden Woche könnte das Land neue Anleihen im Wert von zwei Milliarden Euro und einer Laufzeit von fünf Jahren ausgeben. Werden Sie auch kaufen?
Andrew Bosomworth: (lacht) Dazu kann ich leider nichts sagen.
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ZEIT ONLINE: Okay, anders gefragt: Ist der Zeitpunkt günstig?
Bosomworth: Oh ja, aus meiner Sicht sicher, der Risikoappetit der Anleger ist momentan sehr hoch. Nicht ohne Grund notieren viele Aktienindices gerade auf Rekordniveau. Risikobehaftete Anlagen, wie etwa Aktien, hoch verzinste Wertpapiere oder nachrangige Bankanleihen sind gefragt. Und griechische Staatsanleihen waren in der Vergangenheit nicht gerade risikoarm.
ZEIT ONLINE: Woher kommt die neue Lust auf Risiko?
Bosomworth: Die wirtschaftliche Lage hat sich in einigen wichtigen Ländern deutlich verbessert, die Arbeitslosenquote in den USA sinkt, die Euro-Zone wächst wieder – selbst in Großbritannien sieht es besser aus. Hinzukommt die Unterstützung der Europäischen Zentralbank: EZB-Chef Mario Draghi hat ja gesagt, er werde alles tun, um den Euro zu erhalten. Das Vertrauen kehrt zurück und damit auch die Bereitschaft, Risiken einzugehen.
ZEIT ONLINE: Zurück zu Griechenland: Die Rendite für zehnjährige griechische Staatsanleihen lag auf dem Höhepunkt der Krise bei mehr als 30 Prozent. Welche Zinsen wird Griechenland jetzt zahlen müssen?
Bosomworth: Ich denke, die Rendite wird etwa zwischen fünf und sechs Prozent liegen.
ZEIT ONLINE: Das hört sich nach einem sehr niedrigen Zins an. Wie stark profitiert Griechenland von Draghis Versprechen, den Euro in jedem Fall zu erhalten?
Bosomworth: Natürlich spielt das eine Rolle, es ist aber nicht entscheidend. Griechenland hat seit 2010 eine Menge getan. Kein Land hat innerhalb so kurzer Zeit so viele Strukturreformen umgesetzt. Klar, es gab reichlich Nachholbedarf, trotzdem wurde vieles voran gebracht. Es gibt also gute Gründe, Griechenland wieder mehr Vertrauen entgegenzubringen.
ZEIT ONLINE: Der Schuldenberg ist trotzdem enorm und wirklich wachsen wird die griechische Wirtschaft auch in diesem Jahr nicht. Wie soll das Land seine Schulden langfristig zurückzahlen?
Bosomworth: Das ist in der Tat eine wichtige Frage. Hier müssen wir Investoren genau hinschauen. Im vergangenen Jahr lag der Schuldenstand bei 155 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt – im laufenden Jahr wird er auf 172 Prozent steigen. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert, dass Griechenland die Schulden bis 2018 auf 140 Prozent des BIP drücken kann. Aber auch 140 Prozent sind eine große Herausforderung für ein so kleines Land.
ZEIT ONLINE: Die Schuldenlast ist nicht mehr tragbar?
Bosomworth: Griechenland ist in soweit ein Sonderfall, als dass ein großer Teil der Staatsschulden in der Hand der EU, der EZB und dem IWF liegen. Die haben im Zweifel mehr Geduld als private Investoren. Und sollte es trotz alledem noch einmal zu einem Schuldenschnitt kommen, wird es höchstwahrscheinlich auch nur die öffentlichen Geldgeber –also letztlich die Steuerzahler – treffen. Das Risiko der privaten Investoren ist deshalb überschaubar.
Im Markt geht man davon aus, dass die Konditionen der griechischen Schulden bei der EU und dem IWF abgeändert werden, etwa indem die Laufzeit extrem verlängert und die Höhe der laufenden Zinsen reduziert wird. Das wäre ökonomisch betrachtet ein harter Schuldenschnitt, weil der gegenwärtige Wert dieser Anleihe gegen null tendiert. Die Schulden stünden quasi nur noch auf dem Papier. Aber private Investoren blieben davon unberührt.
ZEIT ONLINE: Wäre Griechenland damit endgültig gerettet?
Bosomworth: Wenn es der Regierung in Athen gelingt, sich am Markt zu refinanzieren, dann wäre ein weiteres Rettungspaket vorerst nicht notwendig. Aber: Das Land braucht trotzdem Geld, weil sich die EZB nicht an einer Umschuldung beteiligen würde. Pessimisten würden also sagen: Das Land zahlt knapp sechs Prozent Zinsen für neue Schulden, aber das Wirtschaftswachstum ist deutlich niedriger. Die neuen Schulden sind also nicht tragfähig. Eine komplexe Situation.
ZEIT ONLINE: Ist die Entscheidung Griechenlands auch durch die bevorstehende Europawahl beeinflusst?
Bosomworth: Ja, es kommt gerade einiges zusammen. Bundeskanzlerin Angela Merkel will in der kommenden Woche nach Athen reisen, außerdem könnte die Rating-Agentur Moody's ihre Bewertung bis auf B3 hochstufen. Griechische Staatsanleihen würden einiges an Unsicherheit verlieren.
Alles zusammen genommen sind das sehr gute Nachrichten für Athen. Es wird heißen: Liebe Leute, die Sparpolitik hat funktioniert. Bundeskanzlerin Merkel wird das sicher in Athen auch so betonen.
ZEIT ONLINE: Das deutsche Spardiktat hat funktioniert?
Bosomworth: Wenn man nur auf die volkswirtschaftlichen Statistiken schaut, dann hat die Rettung Griechenlands wohl funktioniert. Aber der Preis, den die Bevölkerung dafür bezahlt hat, war sehr hoch, das sollte entsprechend gewürdigt werden. Wir sind aber noch nicht an dem Punkt, an dem wir sagen können: Das Land wird wieder wachsen.
ZEIT ONLINE: Das Argument von Angela Merkel lautete immer: Es gab keine Alternative, oder genauer, die Alternative war: Die Währungsunion bricht auseinander. Sehen Sie das auch so?
Bosomworth: Das stimmt. Die Alternative damals war, zurück zur Drachme, die kompletten Schulden abschreiben und von null wieder anzufangen. Das wäre für die Menschen sicher nicht einfacher gewesen.
* Andrew Bosomworth ist Leiter des deutschen Portfoliomanagement der Allianz-Tochter PIMCO – einer der weltweit größten Investoren in Staatsanleihen.
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